Chronik Altenbrak 31.12.2014 Für 31 Schulen kam das Aus Die Schließungen bewegten die Politik 2014 wie kein anderes Thema am Ende gab Minister Dorgerloh klein bei. Mit einer ehrgeizigen Verordnung geht Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) in das Jahr 2014. Um Lehrerstellen zu sparen, will er das Grundschulnetz deutlich ausdünnen. Dann rollt die Protestwelle an – und von seinen Plänen bleibt nicht viel übrig. Zu Jahresbeginn kann der Minister noch zufrieden mit sich sein. Stephan Dorgerloh hatte das Problem benannt: Sachsen-Anhalts teures Schulsystem mit vielen, vielen kleinen Standorten. Und er hatte das Instrument in der Hand, um das zu korrigieren. Im Mai 2013 hatte er in einer Verordnung festgelegt, wie viele Schüler künftig das Minimum sein sollten. Die vielen Sondergenehmigungen für Kleinststandorte sollten fallen. Doch dann werden aus abstrakten Zahlenvorgaben die Namen von Schulen. Und Gesichter von Schülern, Eltern, Großeltern. Die Volksstimme fragt die Landkreise und kreisfreien Städte nach ihren Zahlen. Anfang Februar steht das Ergebnis fest: Jede fünfte Grundschule im Land erreicht Dorgerlohs Vorgaben nicht. 96 der 491 öffentlichen Grundschulen wackeln. Etliche schon im Sommer 2014, andere in den Folgejahren bis 2017. Im Landtag verteidigt sich Dorgerloh gegen die Kritik der Opposition. „Auf Dauer kann sich Sachsen-Anhalt die vielen Ausnahmen der vergangenen Jahre finanziell nicht weiter leisten“, argumentiert er. Es ist allerdings nicht die Opposition, die Dorgerlohs Pläne am Ende zu Fall bringen wird. Es ist die CDU, der Koalitionspartner. Im Harz etwa rumort es. Thomas Balcerowski, Bürgermeister in Thale, erreicht einen Beschluss seines CDU-Kreisverbandes zum Erhalt der Schulstandorte im ländlichen Raum. „Die CDU-Fraktion muss Dorgerloh zurückpfeifen“, fordert er in der Volksstimme. Noch darf Dorgerloh auf den Beistand der SPD-Landtagsabgeordneten rechnen. Fraktionschefin Katrin Budde ist erzürnt über die Absetzbewegungen des Koalitionspartners. Sie fordert dessen Solidarität. Im Koalitionsausschuss schwört sie die CDU auf Dorgerlohs Verordnung ein. Die Umsetzung der Mindestzahlen sei „unerlässlich“, versichern sich die Koalitionspartner treu. Das Versprechen ist das Papier nicht wert, auf dem es verfasst wird. Die erste Stufe der Schulschließungen kommt noch – allerdings mit viel Verwirrung. Die Sommerferien rücken heran, Schließungsbescheide werden verschickt. Doch selbst am Tag der Zeugnisübergabe wissen etliche Schüler, Eltern und Lehrer noch nicht, wie es nach den Ferien weitergeht: am alten Standort? Oder müssen die Kinder künftig mit dem Bus in ein Nachbardorf fahren? „Wir gehen völlig unvorbereitet ins neue Schuljahr“, klagt etwa Konstanze Wedekind, Mutter eines Zweitklässlers in Angern (Landkreis Börde). Grund der Verwirrung: Zwar ist die Schule in Angern zu klein, der Verbandsgemeinderat hat sich aber einfach geweigert, die vom Kultusministerium verlangte Schließung auch durchzusetzen. Das Landesschulamt verweigert daraufhin die Genehmigung, Erstklässler aufzunehmen. Die Kinder hingegen, die bisher die Schule besuchen, dürfen auch weiterhin in Angern lernen. In 31 Schulen gehen die Lichter aus – das aber ist lediglich die erste Stufe. Für 2017 sind noch höhere Mindestzahlen vorgesehen: Dann muss eine Schule im Regelfall nicht mehr 60, sondern 80 Schüler haben. Auch in der SPD-Fraktion fragen sich immer mehr Politiker, warum sie sich von Eltern und Lokalpolitikern prügeln lassen sollen. Hinter den Kulissen beginnen Verhandlungen zwischen den Parteien zu einem „Schulfrieden“. Mittlerweile sind sich alle einig, dass die zweite Schulschließungswelle 2017 verhindert werden soll – auch Minister Dorgerloh, dessen Unterschrift sie auf den Weg gebracht hatte. Weil die CDU zusätzlich eine Prüfung von Schulverbünden einfordert, lässt SPD-Fraktionschefin Katrin Budde das Konsenspapier in letzter Minute platzen. Dorgerloh muss den geordneten Rückzug allein antreten. Nun sollen doch 60 Schüler für eine Schule ausreichen. Dorgerloh begründet den Kurswechsel mit einem „Erkenntnisgewinn“. 130 Lehrerstellen spart er nach eigenen Angaben bis 2019 durch die Schließungen ein. Doch weder das noch die von 220 auf 370 Köpfe aufgestockte Zahl der Lehrer-Einstellungen reicht offenbar aus, um überall den Unterricht sicherzustellen. Als im Oktober deutlich wird, dass die Not 2015 und 2016 noch größer wird, knöpft sich CDU-Fraktionschef André Schröder das Kabinett vor – und zielt vor allem auf Dorgerloh. „Wir hatten uns voll und ganz auf die Regierung verlassen, dass mit den zusätzlichen 150 Neueinstellungen die Unterrichtsversorgung gewährleistet ist“, klagt er. Ist die Versorgung nun gewähleistet? Das will auch die Volksstimme von Dorgerloh wissen. Dessen Antwort Anfang Dezember: „Das werden wir uns genau anschauen.“